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Faktencheck: Ist Sommerferien kürzen sinnvoll?

Ministerpräsident Haseloff: Sommerferien verkürzen?
„Es gibt gute Argumente, die dafür sprechen“, sagte er am Freitag, 17.04.2020, der „Mitteldeutschen Zeitung“. Derzeit könne er zwar nicht vorhersagen, was passiere, ausschließen könne er eine Verkürzung jedoch nicht. Er halte diese für „in Teilen geboten“.

Wie ist die Faktenlage:

Fakt 1: Unterrichtsausfall gehört in Sachsen-Anhalt unabhängig von CORONA zum Alltag

Diese Klarheit in der Sprache des Ministerpräsidenten hätte ich man sich schon vor Jahren von ihm gewünscht, als mit dem Personalentwicklungskonzept unter seiner und Bullerjahns Regie die Schulen personell kaputt gespart wurden und dadurch die Unterrichtsversorgung an den Schulen bei inzwischen 96% liegt. Das bedeutet real gesehen, dass diese durch Krankheit der Lehrkräfte tatsächlich noch niedriger liegt. Über den seit Jahren immensen Unterrichtsausfall verliert er kein Wort. In einer kleinen Anfrage der Fraktion „Die LINKE“ (DS Landtag 7/5007) beantwortet die Landesregierung die Frage nach dem Unterrichtsausfall im Schuljahr 2018/19 wie folgt:

Schulform  Ausgefallene Stunden   Anteil am Gesamtbedarf
Grundschule   116 316 3,2%
Sekundarschule 119 388 4,9%
Gemeinschaftsschule  36 889  4,0%
Gymnasium  114 091  4,1%
Förderschulen 74 612  5,2%
Gesamtschulen  21 961  6,8%
Schulen des 2. Bildungs-
Weges
 1 819  6,5%
SUMME 485 075 4,2

Die Ursachen für die Unterrichtsausfall zu beseitigen sind viel dringender geboten, als populistisch die Kürzung der Ferien zu verlangen.

Fakt 2: Bundesweite Berechnung von Ferientagen

Die Berechnung der Ferientage erfolgt bundesweit nicht willkürlich. Diese komplexe Angelegenheit wurde im „Hamburger Abkommen“ von 1964 geregelt. Diese Abkommen wurde inzwischen mehrfach aktualisiert. Durch das Herausrechnen des lange Zeit stattfindenden Sonnabendunterrichts werden jetzt 63 Ferientage verbindlich festgeschrieben. Die Lage der Sommerferien, inzwischen auch vielfach diskutiert, wird zwischen den Ländern koordiniert.
Ein Eingriff in diese Festlegungen müsste durch die KMK einvernehmlich beschlossen werden.

Fakt 3: Abstände zwischen Ferien und Unterricht sind pädagogisch sinnvoll festzulegen

Die Unterrichtszeiträume zwischen allen Ferienzeiträumen müssen ein sinnvolles pädagogisches Arbeiten ermöglichen. Die Arbeitsphasen der Schüler*innen sind abhängig vom jeweiligen Altern und jeweiligem Entwicklungsstand. In Abhängigkeit davon steigen letztlich auch die schulischen Anforderungen. Erfahrungsgemäß benötigen Schüler*innen spätestens nach 7 Wochen einen Erholungsabschnitt, sprich Ferien. Bei Grundschülern bemerkt man dann einen deutlichen Konzentrationsabfall. Eine Verkürzung der Sommerferien würde dann de facto den Abstand zu den Herbstferien auf 10 Wochen erhöhen und pädagogisch nicht den gewünschten Lerneffekt bringen.

Fakt 4: Schüler haben gegenwärtig keine Ferien

Die gegenwärtige Phase der Abstinenz von Schule ist nicht mit Ferien gleichzusetzen. Die Schüler werden auf vielfältigen Wegen mit schulischen Aufgaben versorgt. Das was Ferien auszeichnet sind Kontakte zu Gleichaltrigen, Aufenthalt im Freien, Schwimmen, Kino und vieles andere mehr. Das fällt zu 100% aus. Ferien sehen anders aus.

Fakt 5: Lehrer haben gegenwärtig keine Ferien

Oliver Welke stellte in seine Satiresendung „heute-show“ folgendes fest:
„Vielen Eltern dämmert beim Home-Schooling so langsam die Erkenntnis: Lehrer ist wohl doch ein regelrechter Beruf!“
Ja das ist so! Lehrer haben in diesen Tagen auch keine Ferien. Sie arbeiten in der Notbetreuung oder aber im Homeoffice. Lehrer haben spätestens im Januar ihren Urlaub, der ausschließlich in den Ferien zu nehmen ist, beim Arbeitgeber angezeigt und sich genehmigen lassen. Verkürzungen von Ferienzeiten greifen in bestehende Urlaubspläne ein und das ist rein rechtlich nicht unproblematisch. Urteile des Bundesarbeitsgerichtes besagen, dass dies nur in existenzbedrohlichen Fällen möglich ist. Das liegt nicht vor.

Fakt 6: Urlaub und Tourismus

Tourismus steht für fast 3 Millionen Beschäftigte, 290 Milliarden Euro Umsatz und 3,9 Prozent Anteil an der Bruttowertschöpfung Deutschlands. Genau dieser Tourismus liegt gegenwärtig bei NULL. Jede Möglichkeit innerhalb von Deutschland gegebenenfalls doch Urlaub machen zu können, sorgt für eine Belebung einer ganzen Branche und trägt zur Wertschöpfung bei. Kürzungen von Ferientagen sind da eher kontraproduktiv.
Der Generalsekretär des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft, Michael Rabe, sagte dazu: „Unternehmen wie Bürger brauchen Verlässlichkeit und Planbarkeit statt weiterer Verunsicherung durch eine völlig unnötige und unverantwortliche Diskussion, die der Bundestagspräsident heraufbeschwört“.
(Quelle: https://www.pfaelzischer-merkur.de/welt/politik/inland/schaeuble-bringt-verkuerzung-der-sommerferien-ins-spiel_aid-50093827)

Fakt 7: Wie verhalten sich andere Bundesländer

In Kurzform der Standpunkt einiger Bundesländer vom 17.04.2020:

  • Für ihr Land „steht eine Verkürzung der Sommerferien derzeit nicht zur Diskussion“, sagte die rheinland-pfälzische Kultusministerin.
  • Nordrhein-Westfalens Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) sagte ebenfalls, in ihrem Land würden die Sommerferien nicht verkürzt. Solche Erwägungen gebe es in ihrem Ministerium nicht.
  • Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Ich persönlich möchte an die Ferien nicht rangehen. Wichtig ist es, sich um die anliegenden Aufgaben zu kümmern und Eltern und Schülerinnen und Schüler bestmöglich zu unterstützen.“
  • Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer (CDU) hält es noch zu früh für eine Entscheidung. „Ich will das jetzt nicht bewerten. Es gibt Gründe dafür und auch Gründe dagegen“, sagte er in Dresden.
  • „Keine Lösung“ - so lautete die Reaktion von Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). „Eine Verkürzung der Sommerferien steht bei uns nicht zur Debatte. Ein solcher Schritt würde auch vor dem Hintergrund zahlreicher privater Pläne von Familien und Lehrkräften viele Diskussionen und Unruhe auslösen und letztlich mehr Probleme schaffen als lösen“, sagte sie der dpa.
  • Auch in Schleswig-Holstein hieß es, eine Verkürzung oder Verschiebung der Ferien stehe für das Bildungsministerium derzeit nicht zur Debatte.
  • Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner (CDU) sagte der dpa: „Wir führen derzeit keine Debatte über die Sommerferien.“ Schüler, Lehrer und Unternehmen bräuchten Planungssicherheit. Zwar werde über freiwillige Angebote diskutiert. „Aber eine generelle Verkürzung oder Verschiebung steht nicht an.“
  • Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) betonte, sein Land sei ein Tourismusland. „Die schon jetzt gebeutelte Branche hätte ein noch kürzeres Zeitfenster Umsätze zu generieren. Damit würde eine Erholung von der Corona-Krise nochmals erschwert.“
  • Ein Sprecher des niedersächsischen Kultusministeriums sagte: „Eine Sommerferiendebatte zu führen, ist nicht hilfreich und erhöht nicht die Planungssicherheit.“
    (Quelle: https://www.pfaelzischer-merkur.de/welt/politik/inland/schaeuble-bringt-verkuerzung-der-sommerferien-ins-spiel_aid-50093827)

Also Herr Haseloff: Einfach noch einmal in sich gehen und darüber neu nachdenken. Das ist gegenwärtig vielfach an der Tagesordnung und keine Schande.

 

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