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Kindertageseinrichtungen:

Erzieherinnen und Erzieher müssen entlastet werden!

Frank Wolters, Gewerkschaftssekretär für Jugendhilfe und Sozialarbeit, berichtet über steigende Kinderzahlen bei mangelndem Personalstand. Der Fachkräftemangel ist ein Fahren auf Verschleiß. Erzieher*innen müssen endlich spürbar entlastet werden!

Das statistische Landesamt vermeldete im September 2022 einen neuen Höchststand von Kindern in den Tageseinrichtungen seit 2006. Im Vergleich zum Vorjahr wurden demnach 1.832 Kinder mehr in Tageseinrichtungen und Tagespflegestellen betreut. Von den insgesamt betreuten 151.921 Kindern besuchten knapp 53 Prozent länger als sieben Stunden täglich eine Kindertagesstätte.

Den gestiegenen Kinderzahlen folgt der Personalbestand leider nicht. Immer weniger Fachkräfte müssen immer mehr Kinder betreuen und immer mehr Aufgaben erledigen. Die steigenden Kinderzahlen machen sich nicht nur nominell bemerkbar. Auch die pädagogischen Anforderungen an individuelle Förderbedingungen und an zunehmende Diversitäten in den sozialen und kulturellen Lebenslagen der Kinder erfordern einen deutlich höheren Aufwand bei der pädagogischen Gestaltung der Bildungs- und Erziehungsprozesse. Der Druck auf die Beschäftigten steigt und damit auch die Angst, die Aufgaben nicht mehr unbeschadet bewältigen zu können.

„Land, Kommunen und Einrichtungsträger müssen jetzt zügig dafür sorgen, dass den Einrichtungen mehr Arbeitsvermögen zur Verfügung gestellt wird, damit die Kindertagesbetreuung in Sachsen-Anhalt ihren Bildungs- und Erziehungsauftrag erfüllen und den hohen gesellschaftlichen Erwartungen gerecht werden kann“, erklärte die GEW-Landesvorsitzende Eva Gerth.

Sie forderte die Landeregierung auf, die künftigen Bundesmittel aus dem Kita-Qualitätsgesetz in die Verbesserung des Mindestpersonalschlüssels und in den Ausbau der praxisintegrierten Erzieher*innen-Ausbildung zu investieren.
 

Fahren auf Verschleiß

Die realen Bedingungen in den Tageseinrichtungen haben derzeit nichts mehr mit geordneter pädagogischer Arbeit und sichergestellter individueller Förderung zu tun. Ob in den städtischen Ballungsgebieten oder auf dem flachen Land: Allerorts fehlt Personal.

Der Gewinnung neuer Fachkräfte muss mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden! Kinder und Jugendliche brauchen verlässliche soziale Beziehungen! Ständig wechselnde Bezugspersonen sind Gift für die Beziehungsarbeit! Der Personaleinsatz erfolgt gegenwärtig nicht vorrangig nach qualitativen Aspekten, sondern die Quantität bestimmt diesen Einsatz: Zu viele Kinder, respektive zu viele Fälle, die zu betreuen bzw. zu bearbeiten sind. Das führt zu deutlich höheren Ausfallquoten und in der Folge zu einer dauerhaften Überlastung der Kolleginnen und Kollegen – mit fatalen Folgen für die pädagogische Arbeit und die Gewährleitung des Kindeswohls.
 

Personalschlüssel müssen angepasst werden

Für ein halbwegs angemessenes Personaltableau sollte der gegenwärtige Mindestpersonalschlüssel kurzfristig mindestens um 15 Prozent erhöht werden. Unter Berücksichtigung der gegenwärtigen Vorgaben zur Berechnung der notwendigen Arbeitsstunden je Kind müssten die Berechnungsfaktoren im § 23 Abs. 1 des Kinderförderungsgesetzes in den Altersbereichen in einem ersten Schritt wie folgt erhöht werden:

  • für jedes Kind unter drei Jahren von 0,187 auf 0,21 Arbeitsstunden je pädagogischer Fachkraft (rechnerische Erzieher-Kind-Relation: ca. 1:5),
  • für jedes Kind von drei Jahren bis zum Schuleintritt von 0,083 auf 0,10 Arbeitsstunden je pädagogischer Fachkraft (rechnerische Erzieher-Kind-Relation: ca. 1:10) und
  • für jedes Schulkind von 0,052 auf 0,067 Arbeitsstunden je pädagogischer Fachkraft (rechnerische Erzieher-Kind-Relation: ca. 1:15).

Zusätzlich müssten etwa zehn Prozent der so berechneten Betreuungsstunden für die Leitungstätigkeit der Einrichtung (Leiter*innen, stellvertretende Leiter*innen) zur Verfügung gestellt werden. Mittelfristig müssen die Personalstandards den wissenschaftlichen Empfehlungen angepasst werden:

  • 1:3 Krippe, 1:9 Kindergarten und 1:13 Hort.
     

Tarifabschluss im TVöD

Auch der jüngste Tarifabschluss für die Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst im TVöD zeigt deutlich, dass die vereinbarten „Regenerationstage“, die an sich dazu beitragen sollen, die Pädagoginnen und Pädagogen zu entlasten, ihre Wirkung nicht entfalten können, weil eine damit verbundene Aufstockung des Betreuungspersonals nicht einhergeht. Zwar haben die kommunalen Arbeitgeber die Notwendigkeit der Entlastung des pädagogischen Personals erkannt und in einem ersten Schritt der Gewährung zusätzlicher freier Tage zugestimmt, allerdings sind sie momentan nicht bereit, dadurch ausfallende Ressourcen zu ersetzen. Das ist problematisch, denn es führt zu einer weiteren Arbeitsverdichtung. Die Entlastung der Erzieherinnen und Erzieher ist aber richtig und notwendig. Sie verbessert den Gesundheitsschutz und trägt zur Verbesserung der Attraktivität des Berufes bei.
 

Gesetzgeber muss handeln!

In den nächsten Wochen und Monaten wird es darum gehen, den Forderungen nach verbesserten Personalschlüsseln gemeinsam mit den Beschäftigten, Elternvertretungen, Gewerkschaften und Trägerverbänden Nachdruck zu verleihen. Aktivitäten auf Landesebene, in den Regionen und vor Ort wird die GEW unterstützen und Gespräche mit den Landtagsfraktionen intensivieren.

Kontakt
Frank Wolters
Gewerkschaftssekretär für Jugendhilfe & Sozialarbeit
Adresse Markgrafenstraße 6
39114 Magdeburg
Telefon:  0391 735 54 41