Zum Inhalt springen

Einsatz von Studierenden im Unterricht

„Ich wünsche mir eine bessere Zusammenarbeit zwischen der Uni und dem Landesschulamt“

Immer mehr Lehramtsstudierende arbeiten bereits während ihres Studiums an öffentlichen Schulen Sachsen-Anhalts. Für die Studierenden selbst kann diese Form der Beschäftigung eine Nebentätigkeit sein, die nicht nur relevant für deren Studienfinanzierung ist, sondern darüber hinaus bereits wichtige Praxiserfahrungen ermöglicht.

DIE LINKE hat eine Kleine Anfrage zu „Grundlagen und Umfang des Unterrichtseinsatzes von Studierenden in öffentlichen Schulen“ an die Landesregierung gestellt. Die Antworten darauf vervollständigen das nachfolgende Gespräch, das Sofia Kohler, Gewerkschaftssekretärin für Bildungspolitik der GEW Sachsen-Anhalt, mit einer Studentin führte, die neben ihrem Studium an einer öffentlichen Schule arbeitet. Kathi (Name geändert) studiert seit 2017 Grundschullehramt mit den Schwerpunkten Mathematik, Deutsch und Sachunterricht auf Staatsexamen in Halle und arbeitet an einer Grundschule im Jerichower Land.
 

Kathi, was hat dich dazu bewegt, bereits während des Studiums an einer Schule zu arbeiten? Wie leicht oder schwer fällt es dir, Studium und Arbeit miteinander zu vereinbaren?

Nach meinem Praktikum an der Grundschule hat mich ca. ein Jahr später eine Lehrerin der Grundschule angesprochen, ob ich nicht Interesse hätte, neben meinem Studium an der Schule zu unterrichten. Zu diesem Zeitpunkt konnten nicht alle Stunden durch die angestellten Lehrkräfte abgedeckt werden und die Schulleitung fand durch Nachfragen heraus, dass es Student*innen erlaubt ist, zu unterrichten.

Da ich eine sehr einfühlsame Schulleitung habe, fällt es mir eher leicht, Schule und Studium zu vereinbaren, weil ich zu jeder Zeit die Möglichkeit bekomme, mir Freiräume für das Studium zu schaffen.

Das Ministerium für Bildung schreibt, dass die Zielgruppe „Studierende mit abgeschlossenem Bachelor und Studierende im Staatsexamen nach dem 6. Semester sind“, dass Ausnahmen in Einzelfällen bei der befristeten Einstellung jedoch möglich sind. Primäres Ziel sei die „Absicherung sonst ausfallenden Unterrichts“. Die Bezahlung erfolgt an den Grundschulen nach Entgeltgruppe 9b TV-L – bisher also ohne schrittweise Höhergruppierung – und an allen anderen Schulformen nach Entgeltgruppe 10 TV-L. Insgesamt arbeiteten am 13.02.23 130 Studierende ohne Abschluss an den öffentlichen Schulen Sachsen-Anhalts, womit sie ein Arbeitsvolumen von insgesamt 1.706 Unterrichtsstunden pro Woche stemmten.
 

Wann hast du angefangen, an deiner Schule zu arbeiten und wie ist deine Einstellung abgelaufen?

Ich habe an meiner Schule vor ca. zwei Jahren angefangen. Damals lief die Einstellung unkompliziert. Es dauerte allerdings relativ lange von der Anfrage der Schule bis zur Einstellung, da noch vorgegebene Verfahren durchlaufen werden mussten und jegliche Nachweise gefordert wurden.

Für die Beschäftigung selbst greift das Teilzeit- und Befristungsgesetz, weshalb die Anstellung auf bis zu zwei Jahre sachgrundlos befristet oder aber „eine Befristung mit Sachgrund vereinbart werden“ kann. Die Verträge selbst werden i. d. R. für ein Schuljahr abgeschlossen, wobei „bei Verlängerungen oder mehrmaligen Befristungen [...] berücksichtigt [wird], ob das Studium einen Fortgang erfährt“. Am 13.02.2023 waren bisher lediglich „22 Studierende ohne Studienabschluss über mehr als zwei Schulhalbjahre eingesetzt“. Bei der Festlegung des Stundenumfangs wird neben den „Bedürfnissen und Wünschen der Studierenden“ außerdem auf die Zeit geachtet, die fürs Studieren bleiben soll. So arbeiten derzeit 61 Studierende bis zu zehn Stunden, 30 bis zu 15 Stunden, 23 bis zu 20 Stunden und nur 16 Studierende mehr als 20 Stunden pro Woche.
 

Kathi, du gehörst somit zu einem relativ kleinen Kreis, die bereits so lange an einer Schule arbeiten. Wie sieht in deinem Fall die Befristungspraxis aus? Gab es Komplikationen?

Hier kommen wir zum eigentlichen Punkt, welcher immer ein wenig mit Unmut verbunden ist. Man ist befristet eingestellt für beispielsweise eine Schwangerschaftsvertretung oder weil die Schule unbesetzte Stellen hat. Möchte man im Anschluss an einen Vertrag weiterhin an der Schule arbeiten, versucht man eine Verlängerung der Stelle oder einen neuen Arbeitsvertrag zu bekommen. Dabei wird man in den meisten Fällen gefragt, wie man seinen Studienverlauf weiter plant. Ich hatte nach meinem ersten Vertrag einen neuen Vertrag erhalten, der nun wiederum bis zum Beginn meines Referendariats verlängert wurde. Das Problem dabei ist, dass, wenn der eigentliche Plan fürs Studium nicht eintritt, wir uns vor dem Schulamt für unseren Studienverlauf rechtfertigen müssen, wenn wir einen weiteren Vertrag erhalten wollen. Nicht nur die Tatsache, dass man sich sowieso schon fragt, wie man sein Studium weiter finanzieren soll, wenn man aus persönlichen Gründen nicht wie geplant sein Studium abschließt, nein, man muss sich auch noch ausführlich dafür rechtfertigen, warum, wieso und weshalb das Ganze anders läuft als geplant. Und das alles vor dem Hintergrund, dass an den Schulen Bedarf herrscht und man sein Studium finanzieren muss. Und dann ist es in meinem Fall so gewesen, dass die Rückmeldung zur Einstellung erst wenige Tage vor Beginn der Arbeit kam und man die ganze Zeit am Bangen war, wie es weitergeht. Und in meinem Fall hing nicht nur mein persönliches Interesse an der Weiterbeschäftigung, sondern auch eine Klasse mit Kindern, welche sich gerade an mich gewöhnt hatten.

Um das Ganze kurz zusammenzufassen: Man springt von einer befristeten Anstellung in die nächste.

Auf die Frage, ob Klassenleitungstätigkeiten oder andere pädagogische bzw. organisatorische Aufgaben auf die Studierenden übertragbar seien, antwortet das Ministerium, dass die „vollständige Übernahme aller über die Lehrverpflichtung hinausgehender Aufgaben von Lehrkräften“ von den Studierenden nicht erwartet werden kann. Es müsse dementsprechend im Einzelfall geprüft und nur im Einvernehmen abgestimmt werden, welche Aufgaben „vielleicht sinnvoll und zumutbar sein könnten“.
 

Wie wurdest du an deiner Schule aufgenommen und welche Rolle und Aufgaben wurden dir als Studentin zuteil?

Ich wurde an meiner Schule herzlich aufgenommen und bekam und bekomme immer noch viel Unterstützung, wenn ich Fragen habe. In der ersten Zeit habe ich Fächer unterrichtet, welche nicht benotet wurden, und dadurch konnte ich mich immer ausprobieren. Aufgrund von längerfristiger Krankheit einer Kollegin habe ich dann in meiner heutigen Klasse viele Vertretungsstunden und dann auf Nachfrage schlussendlich auch die Klassenleitung übernommen. Das war im ersten Moment eine große Herausforderung. Mir wurde aber an jeder Stelle sowohl durch meine Kolleg*innen als auch durch die Schulleitung Unterstützung zugesichert, für die ich sehr dankbar bin und ohne die ich an manchen Stellen aufgeschmissen gewesen wäre.
 

Kathi, abschließend würde mich noch interessieren, was sich aus deiner Sicht an der Situation für Studierende, die an Schulen arbeiten (wollen), ändern bzw. verbessern müsste?

Da ich es von Berichten von Freunden kenne, die in ihrer Schule keine Unterstützung bekommen, fände ich es gut, wenn die Studierenden in der Anfangszeit eine/n feste/n Ansprechpartner*in bekommen, die/der ihnen den Ablauf an der Schule erklärt. In Bezug auf die Einstellung würde ich mir einen unkomplizierteren und vor allem schnelleren Werdegang wünschen, damit man nicht erst wenige Tage vor dem Beginn der Beschäftigung erfährt, dass man angestellt wird. Ich kann verstehen, dass man am Fortgang des Studiums interessiert ist, jedoch finde ich es erniedrigend, sich für alles rechtfertigen zu müssen, wenn sich Pläne ändern und man nicht wie geplant sein Studium abschließen kann. Und zum Schluss wünsche ich mir eine bessere Zusammenarbeit zwischen der Uni und dem Landesschulamt, denn aktuell arbeitet man mehrere Monate an der Schule, übernimmt eigenverantwortlich Unterricht, tauscht sich über seinen Unterricht mit den Kolleg*innen aus und bekommt Feedback. Möchte man diese Tätigkeit dann als Praktikum fürs Studium anrechnen lassen, ist dies nicht möglich. Stattdessen muss man für vier Wochen noch einmal in die Schule und ein unbezahltes Praktikum absolvieren.

Kontakt
Redaktion der Landeszeitung Sachsen-Anhalt
Leitung: Christiane Rex
Kontakt
Sofia Kohler
Gewerkschaftssekretärin für Hochschulpolitik (aktuell in Elternzeit)
Adresse Markgrafenstraße 6
39114 Magdeburg