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Kinder- und Jugendliteratur-Tipp

Mehr als eine Mobbing-Geschichte

Ein Ferienlager ist nicht nur ein Ort von Fröhlichkeit – in der engen Gemeinschaft kommt es auch zu Gewalt unter den Kindern. Das erleben Kimi und seine Gruppe im neuen Roman von Saša Stanišić. Kimi hasst die Natur – er will eigentlich Banker werden. Doch gemeinsam mit einem Großteil seiner Klasse schickt seine Mutter ihn in den Sommerferien in ein Ferienlager im Wald. Dort gibt es nicht nur abgeranzte Hütten, irgendwie seltsame Erwachsene und Aktivitäten, die Kimi fasst zur Weißglut treiben, dort sind auch Marko und seine Freunde, die nichts Besseres zu tun haben, als anderen das Leben schwer zu machen. Das betrifft in erster Linie gar nicht Kimi sondern Jörg. Doch weil auch Kimi Außenseiter ist, ist er nah dran an den Schikanen, die er nicht gut findet, denen er aber auch nichts entgegenzusetzen hat. So schaut er in der Regel eher weg, hat dabei aber auch ein zunehmend schlechtes Gewissen. Und dann findet er doch hier und da den Mut, Jörg zu unterstützen und eine vorsichtige Freundschaft zu entwickeln ...

Saša Stanišićs erster Kinderroman arbeitet mit viel Intensität. Der Autor versteht es, seine Lesenden durch eine gleichzeitig komische und dramatisierende Erzählweise dicht an die Konflikte und Nöte dieser Woche heranzuführen. Mit großer Ernsthaftigkeit und Präzision beschreibt er die Figuren – Kinder, aber auch die Betreuenden – die wie aus dem Leben gegriffen und doch kunstvoll überzeichnet und karikiert erscheinen. Gerade diese hybride Form zeichnet die Geschichte aus. Der Eindruck wird auch durch einen Erzählton unterstützt, der durch viele Wiederholungen und immer wiederkehrende Hauptsatzreihungen fast stakkatoartig wirkt und damit immer wieder mit großer Eindringlichkeit auf spezifische Situationen wie auf Fokuspunkte hinarbeitet und verdichtet. Ellipsen und alltagssprachliche Verknappungen erzeugen einen authentischen Erzählton des kindlichen Ich-Erzählers. Schließlich werden in die Handlung Reflexionen, Erklärungen, Rückblicke eingearbeitet und immer wieder taucht das poetische Bild eines Wolfes auf, der als Personifizierung des schwelenden Konflikts gelesen werden kann.

 Die Geschichte verzichtet am Ende auf eine Eskalation, die zu einer Auflösung führen kann. Sie macht aber Mut, in schweren Situationen nicht mutlos zu sein, sondern soziale Verantwortung zu übernehmen. Eindringlich, komisch und kein bisschen übergriffig – sehr zu empfehlen!

Saša Stanišić, Ill. Regina Kehn; Wolf; Carlsen, 2023; ISBN: 978-3-55165-204-1; Preis: 14,00 €, 192 Seiten; Altersempfehlung: ab 12 Jahre